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           Die "Kerwe"










Die Kirchweih, oder umgangssprachlich "Kerwe" genannt, ist der Höhepunkt der alljährlichen Arbeit der Burschenschaft. Das wichtigste Vereinsziel ist es, die komplette "Kerwe" zu organisieren. Jedes Mitglied, ob Neubursche oder Vorstand, ist voll gefordert und hat seinen Teil zum Gelingen des Festes, das jeweils am letzten Augustwochenende stattfindet, beizutragen.
Doch bis es soweit ist, muss eine Menge Arbeit hinter den Kulissen verrichtet werden. In Komiteesitzungen, die immer bei einem beliebigen Vorstandsmitglied stattfindent, werden so scheinbar einfache Fragen der Arbeitsaufteilung, der Besorgung der Kerwebirken und deren Schmuckbänder, des Zeltaufbaus und vielen Dingen mehr geklärt. Außerdem wird in diesen Sitzungen die Kerweredd (Kerwerede) erstellt. Sie enthält zehn Artikel, wobei zwei davon schon feststehen, darin werden die Bezirksbraut und der Bezirksbräutigam vorgestellt. Es handelt sich dabei um ein lediges Mädchen des Ortes und einem Komiteemitglied, die nach Verlesen der Kerweredd (Sonntags nach dem Umzug) über den Rest des Festes ein Paar bilden.
Die "Kerwe" beginnt alljährlich am Freitag des letzten Augustwochenendes mit der feierlichen Ausgrabung der letztjährigen "Kerwe", die symbolisiert durch eine Flasche Wein im Vorjahr begraben wurde.
Früher war es üblich, dass der Kerwesamstag von einem Kerwetanz in der Vereinshalle des TUS Bockenheim, der Emichsburg, begleitet wurde. 1988 verlegte man die Geschehnisse von der Emichsburg auf den Partnerschaftsplatz.
Der Sonntagmorgen wird schon in der Frühe von den Zäpplern, zwei Gruppen zu je drei bis vier trinkfesten Personen begonnen. Alle Winzer des Ortes werden von ihnen um etwas Wein für den Umzug und die Kerwebeerdigung gebeten, den sie zwar immer erhalten, jedoch nur, wenn sie vorher eine Flasche probiert haben.
Am Nachmittag folgt dann der Höhepunkt, der Kerweumzug, der an allen Gaststätten und Straußwirtschaften, vorbei durch den Ort marschiert. Der Umzug wird von einem Komiteemitglied und einem Burschen, der den Kerwekranz mit der Flasche Wein als Symbol der "Kerwe" trägt, angeführt. Diese werden gefolgt von zwei Kratzen- und Laternenträgern. Dahinter marschieren dann die Neu- und Jungburschen mit den geschmückten Kerwebirken, von denen jede Gaststätte und Straußwirtschaft (daher der Name) eine erhält. Dieses Geschenk der Burschenschaft wird mit einer feierlichen Weihe vollzogen. Ein Komiteemitglied hält eine Leiter, während der Bursche den Baum in beachtlicher Höhe in eine Wandhalterung der Gaststätte steckt. Danach übergibt der Besitzer dem Komiteemitglied einen Schoppen puren Wein, worauf dieser die Leiter besteigt und mit der Weihe beginnt: "Hier vor eurem Angesicht, tu` ich meine Weihepflicht und weihe mit diesem Schoppen Wein, dem (Name des Besitzers) seine Wirtschaft ein!" Nach diesem Spruch schüttet er den Wein über den Kerwebaum, womit die Weihe vollzogen ist und der Umzug zum nächsten Lokal ziehen kann. Es folgen die Musikkapellen, die uralte geschmückte Kutsche mit einigen Komiteemitgliedern und die Motivwagen, die teils von der Burschenschaft hergestellt wurden, teils benachbarten Orten und Freunden des Vereins gehören. Dazwischen laufen die Zäppler und sorgen dafür, dass niemand verdurstet, wenn die Burschen Ihren Schlachtruf loslassen: "Wem gehört die Kerb? - Unser - Wem gehörn die Mäd? - Unser - Was raache mer? - Stumbe - Was saufe mer? - Humbe - Ehr Lumpe die Bockremer Kerb soll lewe! - Hoch, hoch, hoch - Damit ehrn Geischt werd nimmi merb, bis zu de nechste Bockremer Kerb! Un ehr Lumpe die Bockremer Kerb soll lewe! - Hoch, hoch, hoch!"
Alljährlich führt de Weg auch durch das Schlossgut Janson, einem der größten und traditionsreichsten Weingüter der Unterhaardt, das im Besitz der Familie Janson ist. Jedes Jahr vor der "Kerwe" erscheint der Zunftmeister bei unserem "Schlossherrn"; wie die Burschenschaft die Besitzer ehren- und liebevoll nennt und bittet diesen, ob der Umzug auch dieses Jahr hier rasten dürfe. Er darf, da dies, nach Aussage von Kurt Janson, immer schon so gewesen sei, was ihm auch sein Großvater berichtet habe.
Nach einer Pause zieht der Umzug weiter und endet am Kerweplatz. Ein Komiteemitglied besteigt nun die Kerweleiter und beginnt mit der "Kerweredd"; die in pfälzischer Mundart abgehalten wird. Danach wird durchgefeiert bis Montag früh und gegen Mittag unternimmt das Komitee seinen Wirtschaftsrundgang durch alle Bockenheimer Gasthäuser, bei dem es zum Essen und Trinken eingeladen ist, als Dank für den Kerwebaum. Auch hier wird gefeiert, bis man sich gegen Abend wieder zum Tanz mit Bezirksbraut und Bezirksbräutigam einfindet.
Kurz nach Mitternacht wird die "Kerwe" mitsamt dem Kranz abgehängt und unter allgemeinem Wehklagen durch den Ort getragen. Irgendwo an irgendeinem Acker wird die "Kerwe" (Flasche Wein) von einem Komiteemitglied, das wahllos das Amt des Kerwepfarrers übernimmt, feierlich beerdigt:
"Des Menschen größtem Feind zum Wohl, das ist und bleibt der Alkohol. Doch in der Bibel steht geschrieben, du sollst auch deine Feinde lieben! Oh, du edler Rebensaft, du stärkest meine Glieder, mein Vadder hoscht zum Lump gemacht, mit mir versuchst du`s wieder. Drum soll`s deine Strafe sein, marsch mit dir ins Loch hinein. Wohlauf, wohlan, kurz war die Kerb, des Johr is lang. Tief erschüttert stehen wir an deinem Grabe, du warst so jung, du starbst so früh, wer dich gekannt, vergisst dich nie. Als du vor drei Tagen im Triumphzug durch unser altehrwürdiges Dorf gezogen bist, hätte niemand geglaubt, dass du so früh sterben müsstest. Einen Trost jedoch nehmen wir in den grauen Alltag mit hinüber, und zwar den, dass wir die Tage mit dir voll genossen haben. Wir nehmen jetzt Abschied von dir, in der Hoffnung, dass du uns im nächsten Jahr wieder genauso erfreuen wirst wie in vergangenen Zeiten. Ich übergebe dich hiermit, als Symbol, der Erde; und mögest du im kommenden Jahr wieder frisch und munter auferstehen. So geht nun in den Alltag mit dem "Sägen" des Herrn. Der Hutmacher behüte euch, der Schirmmacher beschirme euch, der Hund hebe sein Bein über euch und besäche euch. Halleluja! Amen!"

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