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Aus urkundlichen Belegen zwischen 1150 und 1196 geht hervor, dass neben St. Martin tatsächlich noch zwei andere Kirchen gestanden haben.
Kloster Otterberg muss seine damalige Vormachtstellung in Bockenheim durch verschiedene Käufe und Schenkungen begründet und gefestigt haben. Auf den erworbenen Grundstücken lagen aber Steuern und Abgaben verschiedenster Art.
In einem Verzeichnis wird u. a.aufgeführt: "In der Curia (großer Hof) des Nibelungus, welche "Drinkirchen" genannt wird, haben wir den Obulus von 5 Denare (jährl. etwa 3 Euro) zu zahlen." Aus dem Zusammenhang der ganzen Aufstellung ist zu entnehmen, dass mit "Drinkirchen" (Dreikirchen) nur der Kleinbockenheimer Kirchenhügel, u. mit der "Curia des Nibelungus" nur das heutige Schlossgut Janson gemeint sein kann.


           Der Kirchenhügel - St.Martin











Die Königsdomänkirche St.Martin wird erstmals in einer Übertragungsurkunde des Jahres 1196 erwähnt. Darin geht hervor, dass die Kirche aus dem väterlichen Erbteil der Alberat von Kleeburg, einer geborenen Gräfin von Leiningen stammte und sozusagen ein Teil ihrer Aussteuer war, die sie später an die Abtei Wadgassen übergab.
Somit muss St. Martin vor dem Tod ihres Vaters, Graf Emich III. von Leiningen; im Jahre 1186 schon gestanden haben.
Auch die einer Urkunde von 1201 entstammenden Nachricht, dass die Martinskirche vor ihrer Übertragung an Wadgassen, einen jährlichen Zins von 8 Unzen an das Benediktinerkloster in Klingenmünster abgeführt hat, weisen auf eine frühere Entstehung hin.
Ob sich jedoch die nach 1150 auf dem "Kirchenhügel" neben St. Michael u. St. Marien befindliche dritte Kirche ("Drinkirchen") schon auf den Schenkungsbau bezieht, kann nicht genau entschieden werden.
Ein weiterer Beweis für das Vorhandensein "einer" Martinskirche ist das Patrozienium. Es wurde mit Vorliebe in der frühen Merowingerzeit benützt u. ist für eine Neugründung nach 1150 kaum denkbar. Nun ist aber das Martinspatrozienium stets besitzanzeigend für fränkisches Königsgut (Martinskirchen gelten entweder als einstige Hundertschaftskirchen oder zumindest als Gotteshaus von Königshöfen u. Domänen.
Wo die Hoheit des Frankenkönigs das Sagen hatte, da herrschte auch St. Martin.
Martinskirchen standen ursprünglich selten im Ort selbst, sondern meist abseits, sie waren Feldkirchen u. dienten einer Mehrzahl von Siedlungen als Pfarrkirche. Deshalb bevorzugten sie auch die Nähe von Wasserläufen, wegen des leicht zu besorgenden Taufwassers. Häufig findet man sie auch in der Nähe von fränkischen Gräbern. Diese Anhaltspunkte treffen auch auf unseren Kirchenbau zu, sodass das Vorhandensein einer älteren Kirche vor 1150 als gesichert gelten kann.
Aus dem Kleinbockenheimer Kirchenweistum hat man in Erfahrung gebracht, dass die Gemeinden Mittelhofen und Kindenheim in die alte Martinskirche gepfarrt waren (erstere ein um den Königshof entstandener u. später mit Kleinbockenheim verwachsener Ort, letzterer eine Rodungssiedlung des Königshofes). Demnach existierte Kleinbockenheim im frühen Mittelalter noch nicht und "Alt-St.Martin" stand neben der kleinen Michaeliskirche auf freiem Feld.
Wir müssen die Kirche also im engsten Zusammenhang mit dem benachbarten Königshof sehen. Ihr Bauherr und Besitzer war das fränkische Königshaus, also der Staat.
Was das Grafenhaus veranlasst hat nach 1150 einen aufwendigen Neubau zu errichten, wo doch das inzwischen zu einer Siedlung angewachsene Kleinbockenheim bereits eine Pfarrkirche (St. Marien) besaß, ist bis heute noch nicht geklärt. Vielleicht hatte Leiningen das Verlangen seinen Ruf aufzubessern, der durch die Gräueltaten Emichs I. stark ramponiert war. Umfangreiche Kirchenbauten waren damals als Sühne und Buße  immer ein geeignetes Mittel.
Im 13.Jahrhundert richtete Wadgassen ein kleines Priorat ein. Aus dieser Zeit stammen die wertvollen, frühgotischen Wandmalereien im Chor und dem. Querschiff.
1496 war die Kirche in jeder Hinsicht heruntergekommen. Fenster und Dachstuhl waren stark zerstört; die romanische Balkendecke hatte große Löcher. Manches mag wohl auf die Belagerungsschäden von 1471 (*Veldenzer Fehde) zurückgehen.
Erst nach Klagen der Gemeinde 1501 veranlasste Wadgassen umfangreiche Renovierungsarbeiten. Die Balkendecke ersetzte man durch ein spätgotisches Gewölbe; Fenster wurden vergrößert und das Dach wurde neu eingedeckt.
Nach Errichtung der "Emichsburg", zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde St.Martin Schlosskirche. Seit dieser Zeit erhalten blieb die wertvolle, spätbarocke Orgel, ursprünglich im Chor, heute nach Instandsetzungsarbeiten im Seitenschiff aufgestellt.
Bei den Renovierungsarbeiten im Jahre 1964 wurden die einzigartigen Wandmalereien restauriert.
Im März 1969 stand St. Martin im Mittelpunkt einer TV-Reportage des Südwestfunks, die am Ostersonntag des gleichen Jahres von allen regionalen Fernsehanstalten übertragen wurde.
Die majestätisch über unserem Dorf thronende Martinskirche war, ist und bleibt das eigentliche Wahrzeichen von Bockenheim und nicht, wie heute immer wieder zu lesen ist, das "Haus der deutsche Weinstraße".

Gruft

Im Jahre 1906 ist im nördlichen Querhaus eine Gruft entdeckt worden .
Eine große Anzahl von Sarggriffen ließ darauf schließen, dass es die ehemalige Gruft der "Leininger Grafen" gewesen sein muss.
Es wird vermutet, dass vor 1900 eine Grabplünderung stattfand.
Die Gruft wurde später wieder zugeschüttet.
Bereits länger bekannt ist das Kindergrab im Chor vor dem Altar. Der Sarg birgt die Gebeine eines im Alter von 5 Monaten verstorbenen Kindes. Auf dem Sargdeckel stand der Name "Maria-Elisabetha Friedrichs Gravens zu Leiningen und Dagsburg".

Altar

Der aus rotem Sandstein bestehende Altar stammt aus dem hohen Mittelalter und steht, so wird vermutet, noch an seiner ursprünglichen Stelle.
Ihn bedeckt eine große Platte mit den Abmessungen 1,70 x 1,08 m.
Er wurde wahrscheinlich St. Martin geweiht. Eigenartigerweise wird er nirgendwo erwähnt.

Taufstein

Nach einer Gewölbeinschrift von 1514 richtete man zu diesem Zeitpunkt das linke Querschiff als Taufkapelle ein. Der figurenreiche Taufstein, wahrscheinlich eine Wormser Arbeit um 1510, dürfte damals von der Gemeinde oder von Wadgassen in Auftrag gegeben oder in Worms gekauft worden sein. Vergleichbare Taufsteine befinden sich in Colgenstein, Quirnheim, Sausenheim, Bubenheim, Göllheim und Rodenbach.
Der Taustein wurde später aus der Kirche entfernt.
Der Fuß stand bis 1908 im Kirchgarten u. die Kuppa war bei der Familie Lauermann im Garten vergraben.
Das aus rotem Sandstein gemeißelte Taufbecken mit dem dazugehörigen Fuß wurde in der Kirche wieder aufgestellt und 1965 von einem Bildhauer umfassend restauriert.

Orgel

Die mit Blumen und Blattwerkschnitzereien im Rokokostil gearbeitete Orgel ist 1710 von August Hartung aus Bad Dürkheim geliefert worden. Sie steht auf einem Unterbau im nördlichen Querbau.
Die Firma Gebr. Oberlinger aus Windesheim hat das Orgelwerk im Jahr 1966 restauriert.

Glockenturm

Der frei neben der Martinskirche stehende Glockenturm, gehörte zu der ehemals unterhalb stehenden Marienkirche, die 1833 abgerissen wurde.
Die ältesten Teile, wie z.B. das gewölbte Erdgeschoss, weisen in die Epoche des hohen Mittelalters zurück.
Von Anfang an als Kirchturm vorgesehen, wenn auch den Erfordernissen der Zeit entsprechend mit einem Zinnenkranz ausgestattet, hatte er unter mehreren Schicksalsschlägen zu leiden und zwar mehr als jedes andere historische Bauwerk in Kleinbockenheim.
Die Daten der Zerstörung und des Wiederaufbaus sind bekannt und auf einem Inschriftstein, um ein Fenster herum, im dritten Geschoss des Turmes festgehalten.
Die Zerstörung des romanischen Turmes geschah während der *Veldenzer Fehde 1460 und der Wiederaufbau erfolgte 1518.
Das gegenwärtige Glockengeschoss mit Brüstung Turmgalerie und Stirnhelm gehören einer späteren Epoche an. Sichere Baudaten dafür gibt es jedoch nicht.
Als Beleg für Bauarbeiten können die in die Klangarkaden gemeißelten Jahreszahlen (1720 u. 1834) gelten.
Als sicher gilt, dass die benachbarte Martinskirche während des französischen Erbfolgekrieges 1688, zusammen mit dem Turm erheblich beschädigt wurde.
Unter der Verwendung der erhaltenen Bauteile und sonstigen Materials wurde der Turm vom Glockengeschoss aufwärts erneuert. Der Turm hatte auch im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Restaurierungsarbeiten nötig.
1887 hat der Turm mit finanzieller Hilfe von Herrn Christian Janson, drei neue Glocken erhalten. Diese mussten im 2.Weltkrieg für Kriegsmaterial abgeliefert werden und wurden eingeschmolzen.
Die heutigen Glocken stammen aus dem Jahr 1949 und kamen aus einer Glockengießerei aus Frankenthal.
Der einsturzgefährdete Turm ist im 1968/69 abermals restauriert worden.



           Der Kirchenhügel - Pfarrkirche St. Marien


Genaue Baudaten von St. Marien fehlen. Wie aus späteren Urkunden ersichtlich ist, gehörte sie dem Nonnenkloster Altmünster/Mainz.
Kleinbockenheim als eigenständige Gemeinde wird erstmals 1258 erwähnt. Der Ort hatte sich aus einer unbedeutenden Hörigensiedlung südöstlich des heutigen Schlossgutes Janson zu einem kleinen Gemeindewesen gebildet, das ursprünglich mit der Gemeinde Mittelhofen nichts zu tun hatte und wesentlich jünger war als diese, sonst wäre sie im Kirchenweistum der Martinskirche gewiss erwähnt. Dem ist aber nicht so. Kleinbockenheim bestand vor dem Jahr 1000 noch nicht oder war zu unbedeutsam um in irgend einer Form urkundlich in Erscheinung zu treten. Beim Neubau der Martinskirche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts muss die Gemeinde schon eine eigene Pfarrei besessen haben und so kann man den Bau von St.Marien um das Jahr 1100 ansetzten; gleichzeitig dürfte die Gemeinde mit Mittelhofen zusammen gewachsen und zu größerer kommunaler Selbstständigkeit gekommen sein (eigenes Ortsgericht usw.).
Die Marienkirche war das sichtbare Zeichen dieser Selbstständigkeit. Dies erklärt auch die Abneigung der Kleinbockenheimer Bevölkerung gegen den Gottesdienst in der zu Mittelhofen gehörenden Martinskirche.
Von der  Forschung nur am Rande erwähnt, wäre die Kirche wohl gänzlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht ihr Turm, der heute freistehende Kirchturm neben der Martinskirche, immer wieder Anlass zur Recherche gegeben hätte.
1294 kaufte Wadgassen die Kirche. Profitgier (Stolgebühren für Taufen, Hochzeiten usw) war der Grund. Außerdem waren mit diesr Kirche die Gerichtsbarkeit verbunden, wo man mit interessanten Einnahmen an Straf und Bußgeldern rechnen konnte.
Im Jahr 1330 erhob Kloster Otterberg, dass zu ansehenlichem Besitz, Macht u. Einfluss gekommen war, Anspruch auf St. Marien, ohne damit Glück zu haben. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie nicht mehr als Pfarrkirche sondern als Bethaus oder Kapelle bezeichnet.
1402 begannen neue Streitigkeiten. Wadgassen war, neben anderen Großgrundbesitzern verpflichtet, zum Unterhalt von Turm und Glocken beizutragen. Das Kloster weigerte sich seinen Verpflichtungen nachzukommen. Die Kleinbockenheimer Gemeinde griff zur Selbsthilfe und verkaufte daraufhin Wadgasser Grundstücke. Mit den erzielten Summen kauften sie ihre Glocken.
Der Glockenstreit zog sich 30 Jahre hin u. wurde 1433 durch Leiningen beigelegt. Das Kloster musste nachgeben.
Laut Tröscher war Profitgier der Grund, dass die Kirche 1833 abgerissen wurde um ein paar lumpige Gulden für mit dem Abrissmaterial zu verdienen. Verloren hatte man ein Gotteshaus von wahrscheinlich beachtlichem künstlerischem Wert.
Mit der Einführung der Reformation nach 1560 endete wurde es still um St. Marien. Hin und wieder wird ihr Name in alten Gemeindeakten erwähnt.
Die lutherische Kircheverwaltung hatte kein Geld u. damit verbunden auch kein Interesse für die in ihren Augen "unnütze Kapelle".



           Der Kirchenhügel - St. Michael


Über die Größe und genauen Lage der Michaeliskirche herrscht bisher viel Unklarheit. Zum Zeitpunkt ihrer ersten namentlichen Erwähnung im Jahre 1196, soll die Kirche (laut Tröscher) mindestens 500 Jahre alt und somit das älteste Gotteshaus von Kleinbockenheim gewesen sein.
Lucarde von Saarbrücken, eine geborene Gräfin von Leiningen, schenkte 1196 dem Abt des Klosters Wadgassen/Saar das Patronat St. Michael zu Bockenheim. Bischof Lupold von Worms gab am 17.Juli des gleichen Jahres den Wadgasser Mönchen an dieser Kirche das Recht zur Seelsorge. Damit dürfte der bisherige Pfarrer Robert, der früheste namentlich bekannte Geistliche von Bockenheim, seine Stellung verloren und durch einen Wadgasser Mönch ersetzt worden sein.
Eine Besitzaufteilung des Klosters vom 18. April 1197 nennt St. Michael als "in dem selben Ort gelegen wie St. Martin". Damit ist die Zugehörigkeit zu Kleinbockenheim eindeutig festgelegt und man kann mit gutem Recht die Michaeliskirche zu den drei Kirchen rechnen, die nach 1150 dem Hügel den Namen "Drinkirchen" gaben.
Die zahlreichen Wadgasser Urkunden des Mittelalters schweigen über St. Michael. Nur noch ein einziges Mal, 1266, wird sie als Besitz des Klosters erwähnt. Wadgassen benutzte hier allem Anschein nach eine auch anderorts oft angewandte Methode, Einkünfte zu erzielen ohne etwas dafür leisten zu müssen. Bei kleineren, dem Kloster übertragenen Kirchen ohne größere Pfarrechte, wurde zuerst der Gottesdienst nach und nach eingestellt und dann der Kirchenbau selbst langsam dem Verfall überlassen. Die Einkünfte für Unterhalt der Kirche und Pfarrerbesoldung überwies man, solange sich die Bevölkerung nicht beim Bischof beschwerte, stillschweigend dem fernen Kloster. Da in Bockenheim noch zwei weitere, für gottesdienstliche Belange völlig ausreichende Kirchen vorhanden waren, scheint in diesem Falle dem Kloster der Schwindel geglückt zu sein.
St. Michael verschwand und keine Urkunde meldet mehr etwas über ihre genaue Lage.

* Veldenzer Fehde

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